Dienstag, 26. Mai ohne Jahresangabe, weil es sicherlich noch aktuell ist, wenn du das liest. Du liest das ja nicht, weil du danach gesucht hast, sondern weil es dich gefunden hat. Es gibt keine Zufälle – das ist das einzige, was ich dir garantieren kann. Also von Herzen für dich verfasst. Vielleicht ticken wir gleich und auch du bist kein Freund von 0815-Schleifen und Mustern.
8.54 Uhr am Dienstag morgen…Cappuccino rechts vom Computer. Handy links. Hund in seiner Ecke. Ich im Schlafanzug. Hänge meinen Gedanken nach und schaue in den Garten. Alles grün, alles idyllisch schön. Mein Mittelkind hat draußen auf der Liege übernachtet und mit seiner Superkamera die Sterne fotografiert. Eigentlich alles perfekt.
Also fast perfekt. Alle drei Kids zuhause, weil auch der Dienstag nach Pfingsten frei ist. Schön für die Kinder, schön blöd für die Mütter, die einfach keine Zeit für sich haben. Gleich wird einer kommen und sich auf’s Sofa setzen, um Minecraft zu spielen oder irgendwas anderes auf der PS5. Ich könnte in meinem Zimmer schreiben, aber da ist es dunkel, denn es geht nach Norden raus und ich gucke maximal auf Nachbars Hecke.
Meine bessere Hälfte ist seit fast vier Wochen auf Dienstreise. Ja, kannst du behaupten, die Kinder sind groß und müssen nicht mehr angezogen und so sehr versorgt werden, aber sie sind auch noch im selben Haushalt und denken nicht wirklich mit. Sie sind in dem Alter, wo die Eltern schwierig werden und ich bei fast jeder Begegnung Nerven lasse. Dabei will ich einfach nur ich sein und schreiben und meinen Gedanken nachhängen. Ich habe beschlossen, ehrlich zu sein und hoffe, dass man schlau genug ist, die Liebe zu den Kids von der mentalen Anstrengung im Alltag zu trennen. Jahrelanges Mitdenken und Muttersein zehrt. Man gibt sich auf, natürlich auch gerne, aus Liebe und stellt seine eigenen Interessen hinter den Herd.
Was wäre ich geworden, wenn nicht Mutter? Was wäre, wenn mir jemand dafür eine Million gezahlt hätte? Was wäre, wenn? Keine Ahnung…
Ich war nie der Karrieretyp und bin immer meiner Intuition gefolgt. Leider ist die im Funktionsmodus eingeschlafen und der Optimismus, die gute Laune, die Leichtigkeit und Unternehmungslust sind auf der Strecke geblieben. Dafür haben sich ziemlich oft schlechte Laune, Meckerei und Frust ausgebreitet. Kommt dir bekannt vor? Dann meld dich bei mir. Ich weiß zwar, dass ich nicht alleine bin, aber die meisten geben es nicht zu. Logisch, es ist kein Dauerzustand, aber unbezahlte Carearbeit 24/7 führt nicht gerade zur Selbstverwirklichung, wie das so schön gepredigt wird. Was man nicht alles tun soll: Yoga, Atmen, Auszeiten…ja, wann denn? Wenn ich Zeit für mich habe…nehme ich meinen Cappuccino und starre in den Garten. Guter Kaffee und Siebträgermaschinen verkaufen sich nicht umsonst so gut.
Komisch…9.08 Uhr…es kommt gar keiner und stört…Das löst doch glatt ein paar Glücksgefühle aus. Kann ich einfach mal ungestört schreiben? Horch…nix. Endorphine im Anmarsch. Frust schwindet. Gedanken sortieren sich. Ach, wie schon, ihnen einfach nachhängen zu können. Sie gehen zurück in den Abend, wo ich auf Insta gesucht habe, ob es Physiotherapeuten gibt, die über ihren Alltag berichten. Warum?
Ich habe mich beworben. Auf einen Ausbildungsplatz als Physiotherapeutin. Hm. Werde schon beim Tippen langsamer. In Bad Bevensen war ich zum Kennenlerntag eingeladen und mir meines Sieges sicher. Dann flatterte die Absage in den Kasten und ich hab’s nicht kapiert. Naja, nicht im Außen, aber im Innen war ich froh. Auf mein Universum ist Verlass. Es hat mich davor bewahrt, in dieses Hamsterrad zu rutschen. Ich meine, manche Hamsterräder machen Spaß und lösen positiven Streß aus. Aber irgendetwas tief in mir hatte Zweifel. Es war alles alt und oll, keine Cafeteria, die Klinik in grau, die Fragen an den Patienten (den armen Mann mit Ischias) waren zu technisch und lieblos. Er war in einem großen Raum nur mit Vorhängen, so dass man die Gespräche der anderen hören konnte. Die Schüler in der Klasse mussten sich für die Übung der Massage halb nackt machen. Also die Mädels alle im BH. Ich hab die ganze Zeit überlegt, welchen BH ich bitteschön kaufen soll, damit ich mit Ü50 noch einigermaßen passabel erscheine.
Nee…nee…nee. Ich musste eine vorgegebene Übung anleiten, die ich nicht verstanden habe, weil es eine Mischung aus Yoga und Fitness war. Ich hab es dreimal durchgelesen und dachte: hä? Ich hab wirklich genug Sport in meinem Leben gemacht, aber so eine Kombi aus herabschauendem Hund und Liegestütz hab ich noch nie gesehen.
Na, egal, ich will nicht ewig über diesen ewig langen Tag in Bad Bevensen schreiben, aber kennst du das, wenn man denkt: alles gut gelaufen, aber alles fühlt sich falsch an? Es war nur eine leise Stimme und ich hab sie mit Torte im Café erstickt. Auf das Ergebnis mussten wir vier Wochen warten. Das allein ist schon ziemlich fragwürdig. Was dauert denn vier Wochen??
Aber exakt vier Wochen später kamen die Bewerbungsunterlagen mit der Post zurück. „…bitte sehen Sie von Rückfragen ab.“ Unpersönlich, 0815-Standardabsage. Unterschrieben von der Sekretärin. Was für eine Enttäuschung. So ein Riesenaufwand umsonst: ärztliches Attest, Impfnachweis, polizeiliches Führungszeugnis, Kopien beglaubigen lassen und alles in Papierform (!) wie in den 90ern per Post verschicken. Alter Schwede, das war ein Akt! Für nichts!
Noch am selben Tag hab ich aus lauter Wut und aus Frust und wer weiß warum nach andern Möglichkeiten gegoogelt. Döpferschulen in Hamburg. Fresenius auch in Hamburg. Ich in Lüneburg. Nix in der Gegend hier. Anfahrt nach HH fast zwei Stunden pendeln. Unrealistisch, aber egal. Ich lass mich nicht unterkriegen. Dann bewerbe ich mich halt bei denen, hab ich so gedacht. Klick auf die Website, klick nochmal: „Bitte laden Sie ihre Unterlagen hoch. Danke.“ Das war’s – so einfach? Kann gar nicht sein. Egal. Ich hab in meinem Anschreiben frei weg geschrieben, was ich denke und zack…ein paar Wochen später (kann mich gar nicht erinnern wie viel, weil ich es eigentlich nicht ernstgenommen habe) eine Einladung zum Assessmentcenter. Hä?! Echt? Hm.
Mein Universum allerdings hat gesagt: Nein. „Ich hab dir die Absage nicht umsonst geschickt. Hör doch endlich zu. Jetzt lege ich dir den Termin für die nächste Einladung direkt in deinen Schwedenurlaub. Punkt.“ Ich: „Dann verlege ich den halt.“ Gedacht, getan: Liebe Döpfer-Schule, ich bin am 13.7. im Urlaub. Haben Sie einen anderen Termin? „Ja. 10.6.“. Tja, liebes Universum, da steht nichts in meinem Kalender, außer der Friseurtermin für Bruno – meinen Hund. Den kann ich verlegen.
Und nun?
Erstmal noch einen Cappuccino…ich schreib dir gleich weiter.